„Best Casting“ bei den Oscars: Überfälliger Respekt für die Unsichtbaren
- Haiko

- 1. März
- 3 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 3. März

Nach den Golden Globe Awards und den Critics Choice Awards befinden wir uns auf der Zielgeraden der Awards Season. Ein deutlicher Fingerzeig geht in Richtung ONE BATTLE AFTER ANOTHER, der nicht nur bei den Critics Choice Awards, sondern auch bei den BAFTA Film Awards als Bester Film ausgezeichnet wurde und bei den Golden Globes als Beste Komödie triumphierte. Die Narrative für die Oscars sind also längst geschrieben.
Am 15. März 2026 finden die 98. Academy Awards im Dolby Theatre in Hollywood statt. Wie bereits im Vorjahr wird Conan O’Brien durch den Abend führen. Doch in diesem Jahr geht es um mehr als Favoriten und Wettquoten. Die Academy setzt ein Zeichen und führt erstmals die Kategorie „Best Casting“ beziehungsweise „Achievement in Casting“ ein.
Zwar haben die BAFTAs diese Kategorie bereits etabliert, doch für die Oscars ist es die erste Neuerung seit über zwei Jahrzehnten – zuletzt wurde 2001 der Preis für den Besten Animationsfilm eingeführt. Dass es so lange gedauert hat, ist erstaunlich.
Denn Casting ist kein technischer Nebenaspekt, sondern oft die halbe Miete eines Films. Was wäre THE DARK KNIGHT ohne Heath Ledger? Als er als Joker besetzt wurde, war die Skepsis groß. Ein Risiko. Ein vermeintlich falscher Typ für eine ikonische Rolle. Und dann kam diese Performance – intensiv, unberechenbar, legendär. Ein Casting, das Filmgeschichte schrieb. Was wäre HARRY POTTER ohne Daniel Radcliffe? Ein unbekannter Junge wurde zum Gesicht einer ganzen Generation. Oder INGLOURIOUS BASTERDS ohne Christoph Waltz? Eine mutige Besetzung, die nicht nur einen Film, sondern eine internationale Karriere veränderte. Manchmal entscheidet nicht allein das Drehbuch oder die Regie über Filmgeschichte – sondern die richtige Besetzung. Und genau hier leisten Casting-Direktorinnen und -Direktoren seit Jahrzehnten unsichtbare, aber entscheidende Arbeit.
Dieser Schritt ist längst überfällig. Kreative Berufe hinter der Kamera erhalten noch immer zu wenig öffentliche Anerkennung. Während Schauspieler und Regisseure im Rampenlicht stehen, bleiben jene, die Talente entdecken, Ensembles formen und mutige Entscheidungen treffen, meist im Schatten. Dabei tragen sie maßgeblich dazu bei, ob ein Film funktioniert – oder scheitert.
Die Oscar-Verleihung steht seit Jahren in der Kritik. Zu lang, zu berechenbar, zu selbstreferenziell. Nicht erst seit dem Eklat um Will Smith und Chris Rock. Vielleicht versucht die Academy mit solchen Neuerungen auch, verlorene Relevanz zurückzugewinnen. Für echte Filmbegeisterte dürfte diese Kategorie hochspannend sein. Für das breite Fernsehpublikum womöglich weniger. Doch das sollte kein Maßstab sein, wenn es um künstlerische Anerkennung geht. Casting-Direktoren kämpfen seit Jahren um diese Bühne. Nun bekommen sie sie endlich.
Ein Blick auf die ersten Nominierten zeigt die Bandbreite:
HAMNET – Casting: Nina Gold MARTY SUPREME – Casting: Jennifer Venditti ONE BATTLE AFTER ANOTHER – Casting: Cassandra Kulukundis THE SECRET AGENT – Casting: Gabriel Domingues SINNERS – Casting: Francine Maisler
Die Filme stehen für unterschiedliche Genres – vom Historiendrama über Ensemblefilm bis hin zu genrebetonten Produktionen. Genau darin liegt die Stärke dieser neuen Kategorie: Sie würdigt kreative Entscheidungen, die oft erst auf den zweiten Blick sichtbar werden.
HAMNET konnte mich überzeugt – in Ausstattung wie im Schauspiel. Was Jessie Buckley und Paul Mescal hier spielen, ist intensiv, verletzlich und von einer emotionalen Wucht, die lange nachhallt. Es ist bemerkenswert, wie sich Regisseurin Chloé Zhao nach dem sensiblen NOMADLAND und dem künstlerisch enttäuschenden Marvel-Ausflug mit ETERNALS wieder gefangen hat. Sie besinnt sich wieder auf ihre Stärken: intim, reduziert, menschenzentriert.
Gerade hier zeigt sich, wie entscheidend Casting sein kann. Ein Film steht und fällt mit den Gesichtern, die ihn tragen. Mit der Chemie. Mit dem Mut zur richtigen – oder riskanten – Besetzung.
„Best Casting“ ist deshalb keine Randnotiz. Es ist die Anerkennung eines Fundaments. Und dieser Schritt hätte schon viel früher erfolgen müssen. Die kreativen Köpfe hinter der Kamera verdienen mehr als ein kurzer Moment im Abspann – jenem Teil des Films, bei dem viele Zuschauer bereits aufstehen und den Saal verlassen. Sie verdienen Sichtbarkeit. Und Respekt.
Vielleicht ist das nicht die Kategorie, die Einschaltquoten rettet. Aber es ist eine, die Film als Handwerk ernst nimmt.
Warum feiern wir seit Jahrzehnten Gesichter – aber nicht jene, die sie finden?
Foto: © Jakub Żerdzicki / Unsplash






Gesicht alleine reicht nicht, muß auch überzeugend "rüberkommen"
Gesichter alleine helfen nicht. Wir feiern ja nicht nur Gesichter, sondern die Menschen, die es schaffen eine ganz andere Person zu verkörpern und das noch möglichst überzeugend. Ich könnte das nicht, ich könnte eher Gesichter finden, aber nicht spielen. Aber richtig, es steckt viel mehr hinter einem Oscar-Preis als nur ein Gesicht...
Naja mir ist nicht klar wie man das beurteilen soll.
Absolut richtig! Casting ist das Fundament eines jeden Films. Schön, dass diese wichtige Arbeit hinter der Kamera nun endlich die verdiente Anerkennung bei den Oscars findet. Ohne die passende Besetzung hilft auch das beste Drehbuch nichts.