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ASTRID LINDGREN - DIE MENSCHHEIT HAT DEN VERSTAND VERLOREN - Von der Kriegschronik zum Kinderbuch

  • Autorenbild: Haiko
    Haiko
  • vor 12 Stunden
  • 4 Min. Lesezeit

Aktualisiert: vor 2 Stunden

Der Name Astrid Lindgren ruft unweigerlich das Bild jenes selbstbewussten neunjährigen Mädchens mit den Sommersprossen hervor, dessen feuerrote Zöpfe wie Antennen vom Kopf abstehen: Pippi Langstrumpf. Doch ASTRID LINDGREN - DIE MENSCHHEIT HAT DEN VERSTAND VERLOREN offenbart eine weitgehend unbekannte Facette der schwedischen Autorin – jene der Kriegschronistin. Zwischen 1939 und 1945 führte Lindgren akribisch Tagebuch, dokumentierte die weltpolitischen Verwerfungen und verarbeitete ihre Ängste, Hoffnungen und Beobachtungen zu einem intimen Zeitzeugnis. Astrid schreibt gegen den Wahnsinn an: Diktatoren, die sie für geisteskrank hält. Mütter, die ihre Söhne verlieren. Kinder, die im Bombenterror sterben. Über 50 Jahre Jahre lang versteckte sie diese Aufzeichnungen – im Wäscheschrank ihres Schlafzimmers, als wolle sie die Schrecken dort einschließen, wo niemand sie finden würde. Erst 2015 brachen die Worte aus ihrem Versteck: mittlerweile in über 20 Sprachen übersetzt, eine erschütternde Chronik des Terrors aus dem Blickwinkel einer Mutter und frühen Feministin. Ein leidenschaftlicher Aufschrei gegen Diktatur, für Mitmenschlichkeit, Frieden und Gleichberechtigung.


Am Rande des Abgrunds


Welch ein Kontrast: Während ihre erst Jahre später geschaffene Pippi Langstrumpf unerschütterlich stark durch eine selbstgeschaffene Welt marschiert, offenbart sich Astrid Lindgren in diesen Tagebüchern als zutiefst erschütterte Zeitzeugin am Rande des Abgrunds. Deutschland fällt über Polen her. Großbritannien und Frankreich erklären Deutschland den Krieg. Europa versinkt im Chaos – und Schweden, vermeintlich neutral, liegt gefährlich nah am Epizentrum der Katastrophe.



Mit fast obsessiver Akribie schneidet Astrid Zeitungsberichte aus, klebt sie in ihre Tagebücher – Dokumente des Grauens, darunter das Antlitz Adolf Hitlers. Die Schrecken kriechen über die Grenzen: Schweden mobilisiert, die Panik greift um sich. Und während der Deutsche bereits Tod und Vernichtung bringt, lauert im Osten eine für sie noch dunklere Bedrohung – der gefürchtete Russe.

Filmbild aus DIE MENSCHHEIT HAT DEN VERSTAND VERLOREN

Regisseur Wilfried Hauke wagt einen kühnen filmischen Hybrid: Historisches Archivmaterial des Kriegsinfernos prallaufeinander mit atmosphärisch dichten szenischen Abschnitten aus Lindgrens schwedischem Heim – ein visueller Pakt zwischen Dokumentation und Inszenierung, der funktioniert. Das eigentliche Herzstück entfaltet sich im intimen Kammerspiel dreier Generationen: Die 90-jährige Tochter Karin, Enkelin Annika und Urenkel Johan holen die Originaltagebücher hervor. Fragile Zeitkapseln, deren Seiten unter vorsichtigen Fingern rascheln. Dann geschieht etwas Magisches: In den Spielszenen verkörpert eine von der Familie autorisierte Schauspielerin Astrid selbst. Ihre Stimme dringt durch die Jahrzehnte, jedes Wort eine Brücke zwischen Vergangenheit und Gegenwart.



Wenn Geschichte stottert


Man könnte meinen, diese Tagebucheinträge seien Relikte aus längst vergangener Zeit – doch dann trifft es einen wie ein Schlag: die verstörende Erkenntnis, dass jedes Wort erschreckend aktuell klingt. Der Ukrainekrieg liegt für uns in ähnlicher Distanz wie für Astrid der deutsche Überfall auf Polen: geografisch fern genug, psychisch nah genug, um die Schockwellen zu spüren. Damals sah Astrid die Wochenschau, heute scrollen wir durch den Newsticker, während draußen Menschen sterben. Die Geschichte wiederholt sich nicht – sie stottert nur mit unheimlicher Präzision dieselben Muster.


Wenn Du wirklich glücklich sein möchtest, muss das aus Deinem Inneren kommen, dazu brauchst Du keinen anderen Menschen

Der Film enthüllt mehr als nur die Chronistin: Das Porträt einer Rebellin. Mit 17 Jahren schwanger, flieht Astrid aus dem Elternhaus. Als Sekretärin kämpft sie sich durchs Leben, bis eine Vernunftsehe mit Sture Lindgren ihr gesellschaftliche Absicherung bringt. Doch die Ehe gerät ins Wanken: Sture hat eine Geliebte, will gehen. Astrid, vielleicht von einer Depression geplagt, schreibt in ihr Tagebuch: „Wenn Du wirklich glücklich sein möchtest, muss das aus Deinem Inneren kommen, dazu brauchst Du keinen anderen Menschen." Ein Satz wie ein Mantra gegen die eigene Verzweiflung – gesprochen von einer Frau, die lernen musste, sich selbst zu genügen. Sie und Sture kommen sich wieder näher.


Während des Krieges nimmt sie einen Job beim Geheimdienst an – Briefzensur. „Drecksarbeit", wie sie es selbst nennt. Das schlechte Gewissen zerfrisst sie. Die schwedische Neutralität? Eine einzige Verlogenheit. Erst als ihre Tochter Karin 1941 längere Zeit krank daniederliegt, entspinnt sie am Krankenbett eine Geschichte – über ein Mädchen, das ihre Tochter „Pippi Langstrumpf" tauft. Aus dem Leid gebiert sich die Legende.


Filmbild aus DIE MENSCHHEIT HAT DEN VERSTAND VERLOREN

Die Parallelen zur Gegenwart sind unausweichlich. Haukes Inszenierung drängt die Frage auf: Wie werden Demokratien wehrlos? Durch Verführung, durch Populismus, durch das Gift schleichender Normalisierung. Die Warnung hallt durch jede Sequenz. Der Film verknüpft Astrids künstlerische Selbstbefreiung mit der historischen Katastrophe. Das Kriegstagebuch wird zum Katalysator ihrer Verwandlung – von der zensierten Zensorin zur freien Schriftstellerin. Ein riskantes Manöver, das gelingt.


Die Kraft der Zurückhaltung



Haukes größte Leistung liegt in der Zurückhaltung: Er überwältigt nicht mit Pathos, sondern lässt Astrids Worte für sich sprechen. Die Kamera verweilt auf den handgeschriebenen Seiten, folgt den Fingern, die behutsam umblättern. In den inszenierten Sequenzen dominiert gedämpfte Intimität – warmes Licht, enge Räume, eine Frau am Schreibtisch. Doch wenn das Archivmaterial einbricht, zerreißt die Stille: Grauen in Schwarzweiß, marschierende Truppen, KZ-Häftlinge, Gesichter voller Todesangst. Die Übergänge zwischen Tagebuch und Zeitgeschichte gelingen nahtlos und erinnern an „Das Tagebuch der Anne Frank“ – dieselbe Intimität des stummen Zeugen-Werdens. Doch während Anne ihrer Stimme beraubt wurde, nutzte Astrid ihr Tagebuch als Raum der politischen Selbstvergewisserung – ein Ort, an dem sie ihre Ohnmacht in Worte fassen konnte.


ASTRID LINDGREN - DIE MENSCHHEIT HAT DEN VERSTAND VERLOREN ist weit mehr als ein Stück einer Biografie – es ist ein Weckruf. Hauke webt historische Aufarbeitung mit verstörender Aktualität, ohne didaktisch zu werden. Man verlässt das Kino mit der unbequemen Frage: Haben wir wirklich aus der Vergangenheit etwas gelernt? Astrid Lindgrens Stimme aus den Kriegsjahren spricht zu uns – und wir sollten zuhören.


Filmposter von DIE MENSCHHEIT HAT DEN VERSTAND VERLOREN





Bilder und Trailer: © farbfilm verleih GmbH

1 Kommentar


angelique1503
vor 36 Minuten

Vielen Dank für die Vorstellung. Diesen Film werde ich mir definitiv anschauen.

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