MORD IM GRAND ALPINE HOTEL - Wenn der Tod Gondel fährt
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Es dürfte eine der größten Herausforderungen sein, vor denen eine Krimiautorin stehen kann: das literarische Erbe Agatha Christies anzutreten. Über zwei Milliarden verkaufte Bücher, Übersetzungen in mehr als 100 Sprachen und Figuren, die längst zu Ikonen der Kriminalliteratur geworden sind. Christie gilt als die meistverkaufte Romanautorin aller Zeiten. Ihre Geschichten haben Generationen von Lesern das Fürchten, Miträtseln und vor allem das Misstrauen gelehrt.
Als im Oktober 1976, wenige Monate nach ihrem Tod, mit RUHE UNSANFT der letzte Miss-Marple-Roman veröffentlicht wurde, schien das Kapitel um die scharfsinnige Amateurdetektivin endgültig geschlossen. Fünfzig Jahre später wagt nun Bestsellerautorin Lucy Foley die Fortsetzung. Als erste Autorin wurde sie von den Nachlassverwaltern Agatha Christies ausdrücklich damit betraut, einen neuen Roman um Miss Marple zu schreiben. Eine Ehre, zweifellos. Aber auch eine Bürde, schließlich tritt Foley in die Fußstapfen einer Frau, die das Genre des klassischen Kriminalromans entscheidend geprägt hat.
Mit MORD IM GRAND ALPINE HOTEL, erschienen am 30. September 2026 im Penguin Verlag, schickt Foley die betagte Ermittlerin hoch hinaus in die Schweizer Alpen. Ein Ortswechsel, der kaum passender sein könnte. Denn wo ließen sich Geheimnisse besser verbergen als hinter einer makellosen Hotelfassade, umgeben von schneebedeckten Gipfeln und einer Gesellschaft, deren Mitglieder einander lieber misstrauen, als die Wahrheit auszusprechen?
Ein mörderisches Panorama
Das Grand Alpine Hotel verspricht alles, was sich eine wohlhabende Gesellschaft von einem exklusiven Rückzugsort erhofft: luxuriöse Zimmer, aufmerksames Personal und ein überwältigendes Bergpanorama. Hier begegnen sich ein gefeierter Filmstar, ein angesehener Politiker samt seiner undurchsichtigen Ehefrau, ein unberechenbarer Freund und ein zwielichtiger Arzt. Menschen, die nach außen ein makelloses Bild abgeben, während hinter verschlossenen Türen alte Feindschaften und sorgsam gehütete Geheimnisse lauern. Doch die Idylle endet jäh, als ein Hotelgast eine Gondel besteigt und am Gipfel nur noch tot ankommt. Rasch wird klar, dass sich ein Mörder unter den Anwesenden befindet. Aus dem exklusiven Rückzugsort wird ein Schauplatz gegenseitiger Verdächtigungen, auf dem jedes freundliche Lächeln eine Lüge verbergen könnte.
Foley versteht es, diese geschlossene Gesellschaft allmählich auseinanderzunehmen. Besonders reizvoll ist dabei der Gedanke, dass ein Mensch gleich drei Persönlichkeiten entwickeln kann: ein öffentliches Ich, das gesellschaftlichen Erwartungen entspricht, ein privates, das nur wenigen zugänglich ist, und schließlich ein heimliches, dessen Existenz niemand erahnen soll. Ein passendes Motiv für einen Kriminalroman, in dem ohnehin jeder etwas zu verbergen scheint.
Auch die Natur übernimmt eine beinahe ebenso bedeutende Rolle wie die Menschen selbst. Wenn die Gipfel im Alpenglühen ein dunkles Purpur annehmen, entsteht eine Schönheit, die jederzeit ins Bedrohliche kippen kann. Besonders reizvoll ist der Schnee, der nicht nur die Landschaft bedeckt, sondern auch Geheimnisse bewahrt – oder verrät. Jeder nächtliche Streifzug hinterlässt Spuren. Und wenn nach einem kurzen Schneefall plötzlich Fußabdrücke in Richtung Gletscher führen, stellt sich unweigerlich die Frage, wer dort oben unterwegs war.
Bergfest für Miss Marple
So atmosphärisch Foley ihre Figuren einführt, so auffällig ist die Zurückhaltung jener Frau, deren Name eigentlich über allem stehen sollte: Miss Marple. Über weite Strecken der ersten Romanhälfte bleibt die betagte Amateurdetektivin im Hintergrund. Statt ihr bei der Ermittlungsarbeit über die Schulter zu schauen, erlebt man das Geschehen aus den wechselnden Perspektiven verschiedener Beteiligter – allerdings nie aus ihrer eigenen. Das ist geschickt konstruiert, denn Foley gibt ihren Figuren Raum, entwickelt Beziehungen und streut Verdachtsmomente. Doch wann nimmt die berühmteste Amateurdetektivin der Kriminalliteratur endlich selbst die Fäden in die Hand?
Passenderweise muss man beinahe bis zum Bergfest warten. Erst ungefähr zur Hälfte des Romans gewinnt Miss Marple jene Präsenz, die man von ihr erwartet. Dann blitzt ihre unverwechselbare Menschenkenntnis auf. Was andere für belanglosen Dorfklatsch halten, wird für sie zum Schlüssel menschlicher Abgründe. Und wenn sie beiläufig mit einem „Ich glaube“ eine Vermutung äußert, darf man davon ausgehen, dass sie sich ihrer Sache längst ziemlich sicher ist.
Eine ihrer treffendsten Beobachtungen bringt den Kern des Romans auf den Punkt:
Meiner Erfahrung nach ist das Verhalten der Menschen im Allgemeinen um einiges unheilvoller, als es ein Naturphänomen jemals sein könnte
Gerade in dieser alpinen Umgebung entfaltet der Gedanke seinen besonderen Reiz. Während draußen Schnee, Eis und steile Abgründe lauern, geht die eigentliche Gefahr von jenen aus, die sich beim Abendessen noch höflich zuprosten.
Zwischen Hommage und eigener Handschrift
Lucy Foley hat mit Romanen wie NEUSCHNEE und SOMMERNACHT bereits bewiesen, wie wirkungsvoll sich psychologische Spannung, wechselnde Erzählperspektiven und eine beklemmende Atmosphäre miteinander verbinden lassen. Diese Erfahrung kommt ihr auch im Grand Alpine Hotel zugute. Die Geschichte liest sich flüssig, die Figurenkonstellation hält das Misstrauen lebendig und kaum glaubt man, eine Person durchschaut zu haben, taucht eine neue Information auf, die bisherige Vermutungen ins Wanken bringt. Oder, um im Bild zu bleiben: Foley führt ihre Leser geschickt aufs Glatteis.
Dabei versteht sich MORD IM GRAND ALPINE HOTEL als liebevolle Hommage an Agatha Christies literarisches Universum der Miss Marple. Immer wieder streut Foley Verweise auf frühere Fälle ein, erinnert an MORD IM PFARRHAUS, Miss Marples ersten Romanauftritt, oder lässt mit der Erwähnung des Royal Spa Hotels Erinnerungen aufleben. Auch Dolly Bantry, die bereits in DIE TOTE IN DER BIBLIOTHEK auf Gossington Hall ihre Freundin Miss Marple um Hilfe bat, ist wieder mit von der Partie und begleitet sie in die Schweizer Alpen. Für Marple-Kenner sind das reizvolle Wiederbegegnungen und kleine literarische Verbeugungen vor einer Welt, deren Figuren längst ein Eigenleben entwickelt haben.
Doch während Christie ihre Miss Marple durch Menschenkenntnis, beiläufige Gespräche und verblüffende Schlussfolgerungen zur treibenden Kraft machte, überlässt Foley einen beträchtlichen Teil der Ermittlungsarbeit ihren übrigen Figuren. Besonders deutlich wird das im Finale. Die Auflösung fügt sich zwar in die zuvor gelegten Spuren ein, entfaltet aber nicht jene Wucht, die man von einem klassischen Miss-Marple-Krimi erwartet. Miss Marples Beitrag wirkt beinahe beiläufig. Das Geheimnis wird gelüftet, ohne dass seine Entschlüsselung zum eigentlichen Triumph der Detektivin wird.
Fazit
MORD IM GRAND ALPINE HOTEL ist ein atmosphärisch dichter, spannend erzählter Krimi, mit dem Lucy Foley ihre Leser geschickt auf falsche Fährten lockt. Umso bedauerlicher, dass ausgerechnet Miss Marple über weite Strecken zur Nebenfigur wird und auch im Finale kaum glänzen darf. Dennoch überzeugt der Roman mit einem flüssigen Erzählstil, dunklen Geheimnissen und bester Unterhaltung. Einer weiteren Begegnung mit Miss Marple aus Lucy Foleys Feder steht jedenfalls nichts im Wege – vorausgesetzt, die alte Dame übernimmt beim nächsten Mal etwas früher das Kommando.
Ein unterhaltsamer Krimi, der seine Leser geschickt aufs Glatteis führt - während Miss Marple selbst erstaunlich lange im Hintergrund bleibt.


Bilder: © Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH







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