Oliver Masucci in einer psychischen Abwärtsspirale | Unsere Kritik zu SCHACHNOVELLE | Filmtick.de

Oliver Masuccis Aufstieg zu einem der gefragtesten deutschen Schauspieler ist schon sagenhaft. Gegensätzlicher könnte seine neueste Figur gar nicht sein: Dr. Josef Bartok. Ein Großbürger, der durch die in Österreich einmarschierenden Nazis alles verliert: Frau, Geld, Würde, Hoffnung. In SCHACHNOVELLE, einer weiteren Verfilmung des gleichnamigen Romans von Stefan Zweig, duellieren Oliver Masucci und Albrecht Schuch. Klasse auf der Leinwand anzusehen, wenn das Thema nicht so ernst wäre. Hier kommt unsere Kritik:

SCHACHNOVELLE - Kritik

Viel Spaß beim Lesen!


Zum Inhalt:
Wien, 1938: Österreich wird vom Nazi-Regime besetzt. Kurz bevor der Anwalt Josef Bartok (Oliver Masucci) mit seiner Frau Anna (Birgit Minichmayr) in die USA fliehen kann, wird er verhaftet und in das Hotel Metropol, Hauptquartier der Gestapo, gebracht. Als Vermögensverwalter des Adels soll er dem dortigen Gestapo-Leiter Böhm (Albrecht Schuch) Zugang zu Konten ermöglichen. Da Bartok sich weigert zu kooperieren, kommt er in Isolationshaft. Über Wochen und Monate bleibt Bartok standhaft, verzweifelt jedoch zusehends – bis er durch Zufall an ein Schachbuch gerät.

Kritik:
SCHACHNOVELLE ist ziemlich frei nach Stefan Zweigs gleichnamigen Buch erzählt. Anfang des 20. Jahrhunderts zählt Zweig zu den bedeutendsten deutschen Erzählern. Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten wurde deren Einfluss auch in Österreich immer mehr spürbar. Am 18. Februar 1934 durchsuchten vier Polizisten die Wohnung des selbsterklärten Pazifisten Stefan Zweig. Er wurde denunziert und man vermutete in seinem Haus Waffen des Republikanischen Schutzbundes. Er wusste, dass die Durchsuchung nur der Form halber von statten ging, war aber so betroffen, dass er zwei Tage später in den Zug stieg und nach London emigrierte. Im brasilianischen Exil schrieb er dann zwischen 1938 und 1941 sein letztes und zugleich bekanntestes Werk: SCHACHNOVELLE.

Das Österreich, aus dem er floh, war nicht mehr sein Österreich. Der Weltmann Zweig stand für die geistige Einheit Europas. Er kannte die kultivierte Elite Europas, von der nicht mehr viel übrig bleiben sollte. Im Film wie auch im Buch stehen psychologische Foltermethoden im Vordergrund. Etwas, was Zweig in ähnlicher Form erlebte, denn in seinen Memoiren schrieb er davon, wie viel von der Menschenwürde in diesem Jahrhundert verloren gegangen ist. Davon, wie viele Formulare er ausfüllen musste, wie viele Erklärungen er bei jeder Reise abzugeben hatte. Wie viele Stunden er in Vorzimmern von Konsulaten und Behörden verbrachte. Wie viele Durchsuchungen und Befragungen an Grenzen er durchlaufen musste.

Auf dieses mentale Zermürben liegt auch der Schwerpunkt in Philipp Stölzls Verfilmung. Er lässt den Anwalt Josef Bartok durch die Hölle gehen. Als Vermögensverwalter des Adels soll er dem dortigen Gestapo-Leiter Böhm Zugang zu den Konten verschaffen. Er wird verhaftet, in das Hotel Métropol - dem Hauptquartier der Gestapo - gebracht und in Isolationshaft gesteckt. Auch wenn in den Gängen Schreie durch Folterpraktiken erstickt werden, bekommt Bartok eine ganz spezielle Sonderbehandlung. Er wird Monate in seinem Zimmer isoliert verbringen bis er die Codes zu den Konten verrät. Ohne Kontakte zu anderen Häftlingen, ohne Uhr, ohne ein Feuerzeug für die ihm angebotenen Zigaretten verbringt Bartok Tag für Tag in diesem einen Zimmer. Es gibt keine Beschäftigung, keine Ablenkung, keine geistige Nahrung, kein Buch, nichts.

Der Film lebt an dieser Stelle von dem ausgezeichneten Schauspiel Oliver Masuccis. In seinen gequälten Augen erkennt man die Tortour, die der Mann der österreichischen Oberschicht durchleben muss. In seinem Gesicht spiegelt sich die vergehende Zeit wieder. Der Bart wird länger, er starrt zusehends ins Leere. Die Abschottung von der Außenwelt lässt ihn depressiv verstimmen. Doch er kann den Anstrengungen des Gegners, ihn zu zermürben, standhalten. Eines Tages wird er zum Rapport bestellt und als sich ein Mitgefangener aus dem Fenster stürzt, gelingt es ihm in dem Tumult ein Buch von einem Bücherwagen zu stehlen und bei sich zu verstecken. Es ist ein Buch über Schachpartien. Zunächst entpuppt es sich als kein Glücksfall, hoffte er doch auf schöne Worte, die er hätte immer zu lesen können. Doch dann nimmt sich Bartok dem Thema an, formt aus Brotkrümeln Schachfiguren, die er vor seinen Peinigern versteckt und versucht mit Schach und das verstehen der einzelnen Züge sich am Leben zu halten. Er hat wieder eine Aufgabe.

Immer mehr verschwimmen nicht nur bei Bartok sondern auch bei den Zuschauern die Grenzen zwischen Wahn und Wirklichkeit. Denn hier setzt Stölzls Finesse ein. Der Schnitt des Films. Man weiss nicht mehr, was Ausblick, Rückblick oder Gegenwart ist oder sich vielleicht sogar nur im Kopf unseres Protagonisten abspielt. In der einen Sekunde befindet sich Bartok mit seiner Frau auf einem Dampfer. Es scheint, als wäre die Flucht geglückt. Im nächsten spielt er gegen einen Schachweltmeister auf selbigen Schach. Dann ist er wieder in seinem Zimmer, gefangen.

Aus dem Fantasiegebilde zieht uns immer wieder ein Mann, Bartoks Gegenspieler, Gestapo-Leiter Böhm, der berechnend gespielt wird von Albrecht Schuch. Böhm ist der ruhige, bedächtig agierende, der seine Handlanger gerne zurückrudert, wenn sie es mit dem Gefangenen doch übertreiben. Doch in Wahrheit beherrscht er sein perfides Handwerk, die Willenskraft zu zerstören, perfekt.

Fazit:
Das Zusammenspiel zwischen Masucci und Schuch ist es, was den Film ausmacht. Nicht nur die Verhöre, sondern insbesondere die Entwicklung oder besser gesagt die Verschlechterung der Figur Bartoks in der Gefangenschaft werden ausgeprägt gezeigt. Auch wenn sich der Film auf Bartok konzentriert, fehlte etwas das vollständige Gefühl für diese Zeit. Die verlorengegangene Empfindung für das hier und jetzt hingegen, das verschwommene Gefühl für die Zeit wird dramatisch gut erzählt und gespielt. Zurecht mehrfach für den Deutschen Filmpreis nominiert muss man sich trotzdem fragen, ob wir eigentlich nur dieses eine Thema können? Okay, gerade in diesen Tagen ist es wahrscheinlich immer noch nicht in allen Köpfen angekommen und somit gerade jetzt wichtig. Auftrag erfüllt.




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